Hebräische Kammeropern

Theater&Philharmonie Thüringen in Zusammenarbeit mit den ACHAVA Festspielen Thüringen und dem Lehrstuhl für Geschichte der jüdischen Musik der Hochschule für Musik FRANZ LISZT Weimar sowie Deutschlandfunk Kultur

In der Reihe Vom Himmel hoch – Glaube und Gesellschaft

In hebräischer Sprache mit deutschen Übertiteln [2 Std. 10 Min., 1 Pause]

  • Do 07.12.2017 / 19:30 Uhr
    Bühne am Park Gera

 

Saul in Ein Dor
Opera Concertante
Text: Samuel I, 28:3-25
Musik von Josef Tal


Die Jugend Abrahams
Kammeroper in drei Szenen nach den Legenden aus der Aggada
Musik von Michail Gnesin
Uraufführung

Josef Tal (1910-2008) musste 1934 vor dem Nazi-Terror nach Palästina fliehen und avancierte dort nach dem II. Weltkrieg zu einem Mitbegründer der israelischen klassischen Musik. Saul in Ein Dor wurde 1955 uraufgeführt. Die Opera Concertante schildert die Begegnung des ersten Königs Israels mit der Wahrsagerin von Ein Dor, die ihm ein tragisches Schicksal prophezeit. „Die Bibel als Opernlibretto zu verwerten, war riskant. Judaisten sahen die Gefahr weltlicher Profanierung. Das Gegenteil stellte sich heraus: Zu hören war jüdische Musik ohne jedes Melodiezitat aus traditioneller Liturgie, israelische Musik ohne nationale Symbole und obendrein in modernistischer Atonalität“, berichtet Tal in seiner Autobiografie.

Die symbolisch aufgeladene Geschichte über die Jugend des Stammvaters Israels und dessen Streben nach Welterkenntnis diente Michail Gnesin (1883-1957) als Inspirationsquelle für seine Kammeroper. 1922 komponierte er den größten Teil des Werks in Palästina und beendete den Klavierauszug der Oper Anfang Januar 1923 in Moskau. Jascha Nemtsov hat das Manuskript dieser bislang nicht aufgeführten, ersten explizit jüdischen Oper in hebräischer Sprache in einem Moskauer Archiv wiederentdeckt. Nemtsov: „Gnesins Grundgedanke zum Wesen der Musik besteht darin, dass die musikalische Sprache einerseits geeignet ist, außermusikalische Bilder plastisch vorstellbar zu gestalten, und dass sie andererseits einen stark ausgeprägten philosophischen Aspekt beinhaltet.“

 



Rezensionen

Triumph des Geistes - Die deutsche Bühne online

Trotz der weit gespannten inneren Dimension beider Opern bewahrt die Inszenierung fassliche Leichtigkeit. Diese Balance ist meisterhaft, weil sie Betrachter nicht unter emotionalen Druck setzt, sondern durch ein sensibles Ausloten des dramatischen Kontextes gewinnt. Vor allem der Tenor János Ocsovai leistet Außerordentliches. Man merkt Ocsovai an, dass der ganz natürliche Fluss seiner sinngenauen Phrasenbildung aus einer profunden Aneignung und Diskussion der Unklarheiten des Notentextes entstanden sind. Vokalen und gestischen Überdruck gibt es bei ihm nicht. Und er hat dafür die richtigen Partner: Ayala Zimbler-Hertz macht aus der Frau von Ein Dor keine Dämonin, sondern lehrt Saul durch schöne Einfachheit die umso größere Furcht. Dieser Abend zieht in einem Sprung über eine nur pflichtgemäße Betroffenheit hinweg und stellt im Brückenschlag über die Werkgrenzen einen Weg der Verheißung vor, der kräftig bewegt. Da wirken alle Parameter zusammen: Hilke Förster lichtet die Spielräume gegen Ende immer mehr auf ....

Roland Dippel

Das Glück der eingelösten Utopie - OTZ / TLZ / TA 13./14.11.17

Doch über den historisch-politischen Rang des Projekts hinaus, dessen Teilhabe als Geschenk ans Ostthüringer Publikum zu werten ist, verheißt Gnesins religionsphilosophisch auszudeutendes Opus von 1922 mindestens erheblichen intellektuellen Genuss. Das gilt ebenso für die deutsche Erstaufführung von Josef Tals Kammeroper „Saul in Ein Dor“ (1955), die als kurzer Einakter vorangestellt war.... Mit Fug und Recht darf man behaupten, dass beide Werke an einer anderen, prominenteren Bühne keine besseren Anwälte gefunden hätten. Die Aufgabe des Regieteams um Michael Dissmeier war es freilich, für hiesiges Publikum nachvollziehbare Sinnstiftung zu leisten. Sie schaffen dies in Demut und Souveränität und verblüffen, bei aller Spartanik des Bühnenbilds (Hilke Förster) und handwerklicher Seriosität der Personenführung, durch philosophisch-dramaturgische Klugheit.... Mehr kann man sich bei äußerster Reduktion der Mittel nicht wünschen. Die Qualität der Aufführung entspricht dem historischen Rang dieser Produktion, und wir dürfen sagen: Wir sind dabei gewesen.

Wolfgang Hirsch

Abraham fürchtet sich vor der Sonne - Mitteldeutsche Zeitung 14.11.17

Allein die Entscheidung, zwei vergessene hebräische Kammeropern auszugraben, ist ein Statement. Noch dazu, wenn es so sorgfältig umgesetzt wird, wie jetzt in Gera... Durchweg geht es um das Gefühl von Verlust, Geschichte und Hoffnung. Den letzten Satz des Abends "Wenn Ihr wollt, dann ist es kein Märchen" darf man im Land der Stolpersteine als Aufforderung zum Nachdenken auffassen.

Joachim Lange

Mediathek

© Fotos: Sabina Sabovic (Die Fotos können für redaktionelle Zwecke und Berichterstattung zum betreffenden Stück honorarfrei genutzt werden. Der/die Fotograf/in muss stets genannt werden.)