Biedermann und die Brandstifter

Ein Lehrstück ohne Lehre
Tragikomödie von Max Frisch
Ab 15 Jahren

[2 Std. 10 Min.]

  • Sa 17.03.2018 / 19:30 Uhr Joker
    Heizhaus Altenburg

 

„Und überhaupt: Kann man eigentlich nichts anderes mehr denken in dieser Welt? Das ist ja zum Verrücktwerden, ihr mit euren Brandstiftern die ganze Zeit.“
Biedermann

Der Haarölfabrikant Gottlieb Biedermann ist sicherlich nicht das Paradebeispiel eines moralisch guten Menschen. Als er eines Abends jedoch unerwarteten Besuch eines obdachlosen Ringers bekommt,
versucht er seine Menschlichkeit unter Beweis zu stellen. Kurzerhand quartiert er den Fremden auf seinem Dachboden ein. Auch als wenig später eine weitere, eigenartige Gestalt bei ihm zu Hause auftaucht, zeigt sich Biedermann gastfreundlich und zuvorkommend. Ganz zum Missfallen seiner Frau Babette – hält sie die Männer doch für eben jene gefährlichen Brandstifter, die seit einiger Zeit ihr Unwesen in der Stadt treiben. Doch Biedermann kann sich eine Bedrohung durch die beiden nicht vorstellen, obgleich diese keinen Hehl daraus machen, dass sie Brandstifter sind und Benzinfässer auf den Dachboden schleppen. Aber es kann ja nicht sein, was nicht sein soll. Auch dem stets warnenden Feuerwehrchor will Biedermann nicht zuhören.

Der Schweizer Autor Max Frisch (1911-1991) formulierte mit seiner Tragikomödie Biedermann und die Brandstifter eine brisante Gesellschaftskritik. Querverbindungen zur Biedermeier-Epoche zeigen sich nicht nur im Namen des Protagonisten. Sein Verhalten ist bestimmt durch den Rückzug ins Private und ein Desinteresse am politischen Zeitgeschehen. Auf seine Geschäfte konzentriert, erkennt Biedermann die Gefahr selbst dann nicht, als sie sich direkt vor seiner Nase in seinem eigenen Haus befindet. Frisch hat sein Stück selbst als ein Lehrstück ohne Lehre untertitelt. Zudem fügte er als besonderes Stilmittel einen für die antiken Tragödien typischen Chor ein, der in der Inszenierung von Angelika Zacek von Bürgerinnen und Bürgern der Region gesprochen wird.

 


Rezensionen

Globale Missstände - nachtkritik.de

Die Regisseurin hat sich als Mitgründerin des Vereins "Pro Quote Bühne" den Ruf einer politischen Aktivistin erworben. Und aktivistisch ist auch ihr Zugriff auf Frischs Lehrstück. Mit Texteinblendungen im Video fokussiert sie auf die großen globalen Verwerfungen unserer Zeit: Die wachsende Ungleichverteilung der Vermögen, die drohende Klimakatastrophe, die Macht der Konzerne werden angeprangert. Aufrufe zur politischen Teilhabe ergehen. Das ist alles sehr richtig und in seinem agitatorischen Engagement auch sympathisch..... Von zahlreichen Brandstiftungen weiß der Altenburger Abend im Videoscreen zu künden: Dieselbetrug – Abfindungsaffären – Schmiergeldskandale – Panama Papers – Paradies Papers etc. Es hängen dicke Schlagzeilen über Biedermanns Haus. Die Brandfässer lauten "Pharma Industrie" – "Energie Konzerne" – "Auto Konzerne" – "IT Konzerne".

Christian Rakow

Der Mittelstand ist abgebrannt - Ostthür. Zeitung 27.2.18

Wer ist Biedermann? Wo werden die Brandstifter verortet? Das sind immer die spannenden Fragen, wenn dieses so kluge und immer aktuelle Stück auf dem Spielplan steht. Regisseurin Angelika Zacek und ihr Bühnenbildner Peter Lehmann beantworten die erste Frage hinreißend einfach und deutlich, in dem sie auf ein gutbürgerliches Interieur verzichten. Gottlieb Biedermann (Bruno Beeke) lümmelt in seiner guten Stube auf Säcken voll Kohle. Auf ihnen beruht seine Sicherheit, über sie stolpern er und seine Gattin Babette (Ines Buchmann) aber auch immer wieder... Wer sich durch Körperbeschriftung nicht ablenken lässt, merkt aber auch: Biedermanns Haufen wird kleiner und kleiner. Die Kohle wird umverteilt, die Brandstifter reißen sie sich unter den Nagel, bevor sie den kläglichen Rest nebst seiner Besitzer verbrennen. Wie tägliche Nachrichten informiert im Bühnenhintergrund Laufschrift über die gigantische Umverteilung von Vermögen von unten nach oben. Als Aktivisten von Greenpeace über Lobbycontrol bis Occupy mahnt der Chor den Mittelständler Biedermann, der Gier der wenigen Reichen Einhalt zu gebieten.... Die Inszenierung hat mit Bruno Beeke einen ebenso smarten und großartig blinden Biedermann. Am Ende tanzen wir alle ausgelassen auf dem Vulkan. Biedermann ist jedermann.

Angelika Bohn

Nicht alles, was feuert, ist Schicksal - Osteränder Volkszeitung 27.2.18

Die Regisseurin Angelika Zacek wollte Lektion erteilen und nicht eine Lehre fehlen lassen. Die Akteure traten an zum Spiel und chiffrierten sich zu Beginn mit Tätowierungen. Die Brandstifter Schmitz (Thorsten Dara), Eisenring (Maximilian Popp) und Dr. phil. (Manuel Struffolino) markierten sich so als Lobbyist, Co-Chef einer hiesigen mächtigen Bank und als Whistleblower. Gottlieb Biedermann (Bruno Beeke) blieb bezeichnet Biedermann und seine Babette (Ines Buchmann) Babette... Der Chor der Seher (Mitglieder der Mitspiel-Akademie), die „Feuerwehr der Stadt“ bei Frisch, war anfangs ein kleiner Trupp von Greenpeace, dann als Lobbycontrol ausgewiesen, später von der Occupy-Bewegung und schließlich in größerer Schar sehr unterschiedlich von Herkunft und Interessen und doch fordernd vereint. So presst die Regie den Figuren eine sehr präzise Schablone auf und ergänzt den unangetasteten Text des Autors mit vielen eingeblendeten Aussagen zum Zustand der Welt. So wird der Zuschauer wach gehalten in seiner Beobachtung von einem sehr metapherreichen und burlesken Spiel und der nüchternsten Lektüre der gesellschaftlichen Analyse.

Helmut Pock

Mediathek

Fotos: Rebecca Sparkes