Biedermann und die Brandstifter

Ein Lehrstück ohne Lehre
Tragikomödie von Max Frisch
Ab 15 Jahren

[2 Std. 10 Min.]

 

„Die beste und sicherste Tarnung ist immer noch die blanke und nackte Wahrheit. Komischerweise. Die glaubt niemand.“
Eisenring

Der Haarölfabrikant Gottlieb Biedermann führt sein Unternehmen mit kapitalistischer Strenge. Als er eines Abends unerwarteten Besuch des obdachlosen Schmitz bekommt, meint er seine Menschlichkeit unter Beweis stellen zu müssen. Nicht zuletzt unter dem Druck der beeindruckenden Statur des ehemaligen Ringers beschließt Biedermann, ihm auf seinem Dachboden eine Bleibe für die Nacht zu geben. Als am nächsten Tag eine weitere Gestalt bei ihm zu Hause auftaucht – diesmal Eisenring, der sich als obdachloser Kellner vorstellt –, zeigt sich Biedermann zwar zuerst irritiert, dann aber umso gastfreundlicher. Das missfällt Biedermanns Frau Babette, die bei dem Lärm, den die Herren auf dem Dachboden anrichten, kaum schlafen kann. Außerdem steht doch überall in den Zeitungen, dass gefährliche Brandstifter ihr Unwesen in der Stadt treiben. Obgleich die beiden Gäste keinen Hehl daraus machen, dass sie Brandstifter sind und ein Benzinfass nach dem anderen auf den Dachboden schleppen, hält Biedermann an seinem Glauben fest, dass alles nur ein Scherz sei. Auch dem stets warnenden Feuerwehrchor will Biedermann nicht zuhören.

Max Frisch (1911-1991) formulierte mit seiner Tragikomödie eine Parabel, die Ansatzpunkte für viele Interpretationsmöglichkeiten bietet. Als politisch wache Regisseurin inszeniert Angelika Zacek das Stück in einem alles andere als bieder anmutenden Bühnenbild: Das Ehepaar haust in einer Ansammlung aus Kohlesäcken, die nicht nur ausreichend Brennstoff bieten, sondern auch stellvertretend für eine kapitalistische Gesellschaft stehen, in der Lobbyisten versteckt Geschäfte tätigen, von denen der Kleinbürger lieber nicht allzuviel wissen möchte. Schließlich ist ein einfaches Feindbild viel leichter anzunehmen als zu versuchen, die Komplexität der Welt zu durchschauen.

 


Rezensionen

Globale Missstände - nachtkritik.de

Die Regisseurin hat sich als Mitgründerin des Vereins "Pro Quote Bühne" den Ruf einer politischen Aktivistin erworben. Und aktivistisch ist auch ihr Zugriff auf Frischs Lehrstück. Mit Texteinblendungen im Video fokussiert sie auf die großen globalen Verwerfungen unserer Zeit: Die wachsende Ungleichverteilung der Vermögen, die drohende Klimakatastrophe, die Macht der Konzerne werden angeprangert. Aufrufe zur politischen Teilhabe ergehen. Das ist alles sehr richtig und in seinem agitatorischen Engagement auch sympathisch..... Von zahlreichen Brandstiftungen weiß der Altenburger Abend im Videoscreen zu künden: Dieselbetrug – Abfindungsaffären – Schmiergeldskandale – Panama Papers – Paradies Papers etc. Es hängen dicke Schlagzeilen über Biedermanns Haus. Die Brandfässer lauten "Pharma Industrie" – "Energie Konzerne" – "Auto Konzerne" – "IT Konzerne".

Christian Rakow

Der Mittelstand ist abgebrannt - Ostthür. Zeitung 27.2.18

Wer ist Biedermann? Wo werden die Brandstifter verortet? Das sind immer die spannenden Fragen, wenn dieses so kluge und immer aktuelle Stück auf dem Spielplan steht. Regisseurin Angelika Zacek und ihr Bühnenbildner Peter Lehmann beantworten die erste Frage hinreißend einfach und deutlich, in dem sie auf ein gutbürgerliches Interieur verzichten. Gottlieb Biedermann (Bruno Beeke) lümmelt in seiner guten Stube auf Säcken voll Kohle. Auf ihnen beruht seine Sicherheit, über sie stolpern er und seine Gattin Babette (Ines Buchmann) aber auch immer wieder... Wer sich durch Körperbeschriftung nicht ablenken lässt, merkt aber auch: Biedermanns Haufen wird kleiner und kleiner. Die Kohle wird umverteilt, die Brandstifter reißen sie sich unter den Nagel, bevor sie den kläglichen Rest nebst seiner Besitzer verbrennen. Wie tägliche Nachrichten informiert im Bühnenhintergrund Laufschrift über die gigantische Umverteilung von Vermögen von unten nach oben. Als Aktivisten von Greenpeace über Lobbycontrol bis Occupy mahnt der Chor den Mittelständler Biedermann, der Gier der wenigen Reichen Einhalt zu gebieten.... Die Inszenierung hat mit Bruno Beeke einen ebenso smarten und großartig blinden Biedermann. Am Ende tanzen wir alle ausgelassen auf dem Vulkan. Biedermann ist jedermann.

Angelika Bohn

Nicht alles, was feuert, ist Schicksal - Osteränder Volkszeitung 27.2.18

Die Regisseurin Angelika Zacek wollte Lektion erteilen und nicht eine Lehre fehlen lassen. Die Akteure traten an zum Spiel und chiffrierten sich zu Beginn mit Tätowierungen. Die Brandstifter Schmitz (Thorsten Dara), Eisenring (Maximilian Popp) und Dr. phil. (Manuel Struffolino) markierten sich so als Lobbyist, Co-Chef einer hiesigen mächtigen Bank und als Whistleblower. Gottlieb Biedermann (Bruno Beeke) blieb bezeichnet Biedermann und seine Babette (Ines Buchmann) Babette... Der Chor der Seher (Mitglieder der Mitspiel-Akademie), die „Feuerwehr der Stadt“ bei Frisch, war anfangs ein kleiner Trupp von Greenpeace, dann als Lobbycontrol ausgewiesen, später von der Occupy-Bewegung und schließlich in größerer Schar sehr unterschiedlich von Herkunft und Interessen und doch fordernd vereint. So presst die Regie den Figuren eine sehr präzise Schablone auf und ergänzt den unangetasteten Text des Autors mit vielen eingeblendeten Aussagen zum Zustand der Welt. So wird der Zuschauer wach gehalten in seiner Beobachtung von einem sehr metapherreichen und burlesken Spiel und der nüchternsten Lektüre der gesellschaftlichen Analyse.

Helmut Pock

Mediathek

Fotos: Rebecca Sparkes