Gretchen - ein faustischer Ritt durch die deutsche Seele

Spielprojekt der TheaterFABRIK

  • Fr 07.12.2018 / 20:00 Uhr
    Tonhalle Gera

 

Verweile doch,  Du bist so schön…
TheaterFABRIK macht sich auf die Suche nach der deutschen Seele

Fragt man einen Deutschen, was denn für seinen Kulturkreis typisch sei, so wird er vielleicht zuerst mit preußischen Tugenden antworten: Fleiß, Pünktlichkeit, Ordnungsliebe. Fragt man einen spanischen Hotelbesitzer, so wird er vielleicht, das Handtuch auf dem Liegestuhl nennen oder Wurst, Bier und Fußball. Was aber ist eine nationale Identität, speziell eine deutsche? Egon Friedell hat es in seiner Kulturgeschichte der Neuzeit in etwa so zusammengefasst: „Die Deutschen werden nie fertig, das ist ihre Stärke“. Die Amerikaner sprechen von der German Angst, der deutschen Zögerlichkeit, die für sie typisch ist, da sie sich so diametral zur amerikanischen Mentalität verhält. Und was hat das alles mit Faust, dem Nationalepos der Deutschen, zu tun?
Diese Frage beantwortet die TheaterFABRIK in ihrer neuen Produktion „Gretchen – ein faustischer Ritt durch die deutsche Seele“, die am 30. November 20 Uhr ihre Premiere in der Tonhalle in Gera feiert. Was an dieser Stelle verraten werden darf: das Stück ist nicht fertig, denn dies ist der Inhalt des Stückes. So werden die Zuschauer Zeuge, wie die Protagonisten sich an dem Stoff abmühen, Ideen verwerfen, sich streiten, sich zusammenraufen, um sich dann erneut in die Haare zu kriegen. Dies alles hat Peter Przetak, der Leiter der TheaterFABRIK, in einer Art Variation auf teutonische Eigenarten zu einer Komödie geschrieben, die weniger mit Goethe, dafür aber umso mehr mit dem Heute und der Frage zu tun hat, wer wir sind und wofür wir Deutschen eigentlich stehen. Aber vermutlich wird die TheaterFABRIK auch mit der Beantwortung dieser Frage nicht fertig, aber gerade das ist ja ihre Stärke.

 


Rezensionen

Licht an und alle Fragen offen - Ostthür. Zeitung 4.12.18

Scheitern als Chance, Zögern als Tugend, Theater als Vergnügen – wer die Theaterfabrik in Gera betritt, muss auf Überraschungen gefasst sein. Etwa, dass nach drei Monaten proben, proben und proben das Stück zwar nicht fertig, dafür aber gut geworden ist. Dass sich die „Gretchen“-Geschichte aus dem Nationalepos der Deutschen in knappen 50 Minuten abhandeln lässt und dabei noch Zeit ist, diverse Hiebe auf Theaterregisseure und Regietheater auszuteilen. Theater ist strukturiertes Chaos und hat was mit Denken zu tun. Mit Fragen sowieso... Welche Möglichkeiten, moralische Kompetenz zu erwerben, gäbe es, gäbe es das Theater als moralische Anstalt nicht? Preußische Tugenden, Obrigkeitshörigkeit, Handtücher auf Sonnenliegen, kritiklose Goetheverehrung, Deutsch als Sprache, was charakterisiert die Deutschen? Wären sie unpünktlich, unordentlich und faul verträglicher?

Angelika Bohn

Mediathek

Fotos: Ronny Ristok