Oedipe

Lyrische Tragödie in vier Akten und sechs Bildern
Libretto von Edmond Fleg
Musik von George Enescu
In französischer Sprache mit deutschen Übertiteln

[3 Std. 10 Min., 1 Pause]

  • Sa 21.04.2018 / 19:30 Uhr
    Großes Haus Gera

 

„Ah, besser, du würdest niemals ganz verstehen, wer du bist.“
Jokaste

Trailer

Ödipus ist der Enthüllungskrimi in der griechischen Mythologie: Ein Orakel verkündet, dass der Sohn des Lajos seinen Vater töten und seine Mutter heiraten wird. Die entsetzten Eltern lassen den Neugeborenen mit zusammengebundenen Füßen aussetzen. Er wird aber von einem Hirten gerettet und nach Korinth gebracht, wo er als Sohn des Königs aufwächst. Als Ödipus das Orakel von Delphi aufsucht, wird auch ihm das Schicksal geweissagt, den Vater zu töten und die Mutter zu ehelichen. Um dem zu entgehen, flieht er von seinen vermeintlichen Eltern aus Korinth und trifft dabei auf seinen leiblichen Vater Lajos, den er nach einem heftigen Streit im Kampf tötet. Er befreit Theben von der grausamen Sphinx und heiratet die Witwe des Lajos, seine Mutter, mit der er vier Kinder zeugt. Anzeichen verdichten sich, dass sich der einstige Orakelspruch erfüllt haben könnte. Unerbittlich forscht Ödipus nach der Wahrheit. Als er die Zusammenhänge begreift, alles klar sieht, sticht er sich die Augen aus. Mit seiner Tochter Antigone begibt er sich auf eine lange Wanderschaft …

Die monumentale Komposition des Rumänen George Enescu (1881-1955) basiert auf den antiken Dramen Oedipus Tyrannos und Oedipus auf Kolonos von Sophokles, geht jedoch recht frei mit den Vorlagen um. So beginnt die Oper bereits bei Ödipus’ Geburt; eine besondere Bedeutung kommt auch dessen Begegnung mit der Sphinx zu. Oedipe wurde 1936 in Paris uraufgeführt und gilt als das Meisterwerk Enescus. Die Oper, so der Komponist, muss „ihren Schwung behalten. Kein Pathos, keine Wiederholungen, kein unnötiges Geschwätz. Die Handlung muss sich schnell entwickeln.“ Quelle seines Kompositionsstils ist die Volksmusik seiner rumänischen Heimat. Dies manifestiert sich in einer ständig changierenden Melodie, Harmonie und Klangfarbe, die den Hörer von Anfang bis Ende einnimmt.

Oedipe bei MDR Kultur

Der Mitteldeutsche Rundfunk hat die Premiere begleitet und im „MDR Kultur Opernmagazin“ am Sa. 14. April ausführlich darüber berichtet sowie Auszüge aus der Generalprobe gesenden. Hier nachören!

 



Rezensionen

Das Schicksal siegt - Die deutsche Bühne online

Für die internationale Musiktheaterlandschaft gehört „Oedipe“ zu den größten Mutproben betreffend Aufwand und Anspruch. Jetzt haben Theater & Philharmonie Thüringen die Mittel des 2017 erhaltenen Theaterpreises des Bundes in diese Mammutproduktion investiert. Der riesige, ja überwältigt-erschütterte Applaus in Anwesenheit des rumänischen Botschafters in der Bundesrepublik Deutschland galt nach der Premiere im Theater Gera nicht nur dem Aufwand, sondern vor allem dem inneren Gehalt dieser Partitur, die sich jeder Kategorisierung in „-ismen“ des frühen 20. Jahrhunderts widersetzt. Generalintendant Kay Kuntze und Generalmusikdirektor Laurent Wagner (...) beweisen, dass man die Ikonographie der attischen Kultur opulent in Szene setzen kann. Duncan Hayler konterkariert seine Kostüme mit geometrischen Bühnenelementen, die er in ein der antiken Bühne nachempfundenes Halbrund setzt. Mit der Regie schafft er mindestens zwei weitere Sinnebenen. Großartig führt Holger Krause den Opernchor, Dagmar Stollberg steigert mit den Kinder- und Jugendgruppen die bewegte Fülle und getragenen Bewegungen. Bei seiner finalen Transformation umfängt ein Baum aus Menschenleibern Oedipe im heiligen Hain von Kolonos. Immer wieder offenbart sich das Werk als eine Schnittstelle zwischen großer Oper und szenischem Oratorium, immer wieder scheinen christologische Bezüge in Kay Kuntzes Inszenierung. Trotz Laurent Wagners Totaleinsatz für sinfonische Fülle und Farbengemische hört man vom Philharmonischen Orchester Altenburg-Gera deutlich abgesetzte Konturen und Enescus genau durchdachte Wechsel des motivischen Materials zwischen Sängern und Instrumenten. Die Ebenen der Szene finden im Orchestergraben ihre durchdachten Entsprechungen. in dem erst spät verpflichteten Bariton Sébastien Soulès hat die Produktion den idealen Protagonisten: Intelligent, mit starker Emphase faszinierend, jugendlich in der vokalen Expression und alterslos von Erscheinung. Mit ihm modelliert Kay Kuntze herausragend bewegende Szenen. Ulrich Burdack wird durch die Besetzung in gleich drei Partien zum langen bassgewaltigen Schatten Oedipes und zum Repräsentanten des unerbittlichen Schicksals, das immer siegt. Ein Sieg auf ganzer Linie und ein hochkarätiger Höhepunkt der seit Jahren intelligenten Musiktheater- und Konzert-Gestaltung.

Roland H. Dippel

Überwinder des Schicksals - Ostthür. Zeitung 16.4.18

Ungeheuerlich ist der Schicksalsweg des Oedipe, unerhört das atemberaubende Klangwerk Enescus, das ihn kommentierend begleitet, und unglaublich die Qualität, mit der das Theater Altenburg-Gera diese als praktisch unspielbar geltende Oper zur Premiere gebracht hat. Vor allem das Philharmonische Orchester wächst über sich hinaus; zum Schlussapplaus ruft Generalmusikdirektor Laurent Wagner seine Helden auf die Bühne, und glücklich, erschöpft nehmen sie die stehenden Ovationen des Publikums entgegen. Lange wird noch von diesem Abend die Rede sein. GMD Wagner wählt behutsame, keineswegs schleppende Tempi und exerziert die abenteuerlichsten Rhythmus-Strukturen, ohne dass uns Hörern gewärtig würde, wie komplex, wie kompliziert all das ist. Auf jeden einzelnen Musiker kommt es in diesem irisierenden Organismus an, und fest hält ein souveräner „General“ alle Fäden in seiner Hand. Regisseur Kay Kuntze und sein Ausstatter Duncan Hayler erzählen den Mythos ohne überflüssige Schnörkel: stets klar, in jeder menschlichen Situation absolut glaubwürdig, mit einigen wenigen, die Orte der Handlung charakterisierenden Symbolen und mit einer kongenial zur Musik Atmosphäre stiftenden Lichtführung. Ohne jede Übertreibung exakt das richtige Maß des gerade noch Menschlichen getroffen zu haben, macht die großartige Leistung des Regieteams aus. Unter den Solisten, die allesamt kurze, doch ungemein schwere Partien zu singen haben, gibt es nicht einen Ausfall. Sébastien Soulès als Gast singt die schwere Titelpartie vorzüglich in geschmeidiger Deklamation, klug seine Kräfte einteilend. Eine gefühlte Ewigkeit dauert es, bis das Publikum nach den letzten Akkorden aus diesem Rausch von einer Oper erwacht. Nicht enden will der Applaus. Drei Stunden lang war Gera, war das Theater der Stadt der Mittelpunkt einer Welt.

Wolfgang Hirsch

Giftmord in Vierteltönen - FAZ 16.4.18

Musikalische und sängerische Höchstleistungen sind ... vernehmbar.... Der Bassbariton Sébastien Soulès changiert gesanglich brillant zwischen kalter Existenzangst und resigniertem Fatalismus und gibt den Ödipus als gescheiterte Existenz.... Der ausgezeichnete Chor bildet gemeinsam mit dem Orchester das Rückgrat der Aufführung.

Christiane Wiesenfeldt

Mediathek

Fotos: Ronny Ristok