Impulse

Tanzvisionen aus den Niederlanden und Großbritannien

  • Fr 06.03.2020 / 19:30 Uhr Premiere
    Großes Haus Gera

 

Mit dem Dreiteiler Impulse wird das Thüringer Staatsballett seine Leistungs- und Wandlungsfähigkeit durch mitreißende Kreationen aus der Feder international renommierter Choreografinnen und Choreografen unter Beweis stellen.

ZERO

Die Niederländerin Nanine Linning kreierte ZERO im Jahr 2013 zu ihrem Debüt als künstlerische Leiterin und Chefchoreografin der Dance Company Nanine Linning am Theater und Orchester Heidelberg. Die Produktion wurde von Publikum und Fachpresse gefeiert, und erhielt noch im Jahr der Uraufführung eine Nominierung für den Deutschen Theaterpreis DER FAUST. Linning bezeichnet ihre künstlerische Handschrift als „Hardcore-Physicality“, die durch das Zusammenspiel von Bewegungen, Spannung, Fokus und Dynamik gekennzeichnet ist. Ihre Kreationen gipfeln in multidisziplinären Gesamtkunstwerken.
Inspiriert von einem wissenschaftlichen Artikel über die graduale Abnahme der Schwerkraft in den nächsten Jahrhunderten sowie vom Tauchen als eine „schwerelose Sportart“, thematisiert Nanine Linning in ZERO die physisch nicht greifbare „Mächtigkeit“ dieser einen Ziffer, indem sie ihre Vorstellung einer evolutionären Endzeitvision auf die Bühne bringt. Die Nullstelle, eine Apokalypse, ist neutral und dominant zugleich. Sie ist alles oder nichts – Alpha und Omega: Unendlichkeit; diese „räumliche Definition“ des Universums, dieser dunklen Weite, die alles in sich aufsaugen könnte und andererseits auch anderes Leben hervorbringt.
Überträgt man dieses Denken auf den Tanz, so lässt sich dieser physikalisch durch Raum, Zeit und körperliche Bewegung charakterisieren. Mit diesen drei Dimensionen arbeitet Nanine Linning, indem sie in ihrer Choreografie die Komponenten Untergang und Neuanfang mit der Zahl Null verbindet. Vor diesem Hintergrund geht ZERO tiefgründigen Fragen nach: Was geschieht, wenn das Leben – so wie wir es auf diesem Planeten kennen – endet? Wie werden sich dann die Lebens-, Körper- und Bewegungsformen der Erdenbewohner verändern? Und wann beginnt die Zukunft: gestern, morgen oder just in diesem Augenblick?

Konzept, Choreografie und Bühne: Nanine Linning
Kostüme: Iris van Herpen
Lichtdesign: Ingo Jooß
Video: Roger Muskee
Dramaturgie: Phillip Koban

Eine Produktion des Theater und Orchesters Heidelberg, UA: 19.01.2013, Herstellung der Kostüme/Dekorationen in den Werkstätten des Theater und Orchesters Heidelberg, ca. 46 min.


Bolero

„Bolero – that’s me!“ – mit dieser Authentizität beschreibt der britische Choreograf Ihsan Rustem seine Kreation, die er 2016 für das NW Dance Project in Portland, Oregon (USA) schuf und welche in dieser Spielzeit mit dem Thüringer Staatsballett ihre deutsche Erstaufführung feiert. Seine erste tänzerische Erfahrung mit Maurice Ravels Boléro beim Béjart Ballet Lausanne  – mit Sylvie Guillem in der Hauptrolle -, hatte bei dem damaligen Teenager auf körperlicher wie emotionaler Ebene einen bleibenden Eindruck hinterlassen, der ihn nicht wieder losließ.
Als Auftragswerk für ein spanisches Ballett für Ida Rubinstein komponiert und in einer Choreografie von Bronislava Nijinska 1928 in Paris uraufgeführt, stellt das einaktige Musikstück Boléro zweifellos eines der spannendsten und elektrisierendsten Kompositionen dar, die jemals für Tanz geschrieben wurden. Die Herausforderung von Ravels Partitur liegt in ihrer musikalischen Struktur: Sie besteht aus zwei Hauptmelodien, die sich jeweils neun Mal wiederholen und deren Klimax sich einzig durch ein an Dynamik und Instrumentarium wachsendes Orchester auszeichnet, während der Rhythmus der Trommel gleichbleibt wie ein schweizer Uhrwerk.
Als Tänzer arbeitete Rustem mit Koryphäen wie Wayne McGregor, Jiři Kylian oder William Forsythe. Geprägt von diesen Erfahrungen und auf Entdeckungstour mit seinem eigenen, sich bewegenden Körper, entwickelte der Engländer einen ganz individuellen choreografischen Stil, den er in Bezug auf Bolero als improvisatorisch und „random“ (dt. ‚regellos/unkonventionell‘) charakterisiert. Liebe, Lust, Verlangen, Zuneigung und Verbindungen spielen eine zentrale Rolle in seiner etwas skurrilen und humorvollen Neuinterpretation des Boléro, welche die Tänzerinnen und Tänzern mit ungewöhnlichen ‚Körper-Bildern‘ und den Zuschauer mit einem Augenzwinkern mit seiner eigenen Erwartungshaltung konfrontiert: „Was das aussagen soll? – Wofür auch immer man offen ist.“

Choreografie, Lichtdesign und Bühne: Ihsan Rustem
Kostüme (nach einer Idee von Mona Jones Cordell): Ihsan Rustem

UA: NW Dance Company, Portland Oregon, USA (2016), ca. 16 min.


SYNC
Eine Theateraufführung ist durch die unwiederholbare Erlebbarkeit eines flüchtigen Ereignisses gekennzeichnet, an dem Publikum wie Bühnendarstellern zur gleichen Zeit am gleichen Ort und zu gleichen Teilen beteiligt sind: Die Energie und Aktion der einen Seite beeinflusst das Handeln der anderen Seite. Durch die allein über Mimik, Gestik und Körpersprache funktionierende Interaktion zwischen Bühnentänzerinnen und -tänzern wird dieser performative Akt noch einmal intensiver wahrgenommen, denn Choreografie, Musik, Bewegung und Raum werden synchronisiert.  
Der Titel des von Nils Christe im Jahr 1996 für das Washington Ballet kreierten und bereits von über 14 Compagnien weltweit aufgeführten Stückes SYNC wird aus dem Englischen abgeleitet. Diese vier Großbuchstaben stehen für „syncronisation”, „syncopation” und „to be in sync”. Synchronizität, Rhythmik und Taktgefühl beschreiben auch wesentliche Bewegungsformen und Körperbilder des Balletts, wie es in der Romantik - beispielsweise durch den schwerelosen Spitzentanz, Fragilität implizierende, ausladende Armbewegungen oder die bildliche Einheitlichkeit des Corps de Ballet bei der Ausführung tänzerischer Bewegungen - in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts geprägt wurde.
In SYNC bezieht sich der Begriff der Synchronisierung jedoch nicht nur auf die tänzerische Interaktion von lebenden Körpern, sondern verleiht der Nutzung des Bühnenraums neue Dimensionen, indem auch technische Apparate integriert werden. Mit einer Traverse, welche dem Stück eine „High-Tech-Note“ verleiht, erweitert der niederländische Choreograf das Bild eines Körpers auf den eines metallenen „Fremd-Körpers“, der nicht nur der Dekoration dient, sondern auch einen integralen Bestandteil der Choreografie darstellt: Die Tänzerinnen und Tänzer werden zur Interaktion mit einem nicht-menschlichen, statischen „Skelett“ herausgefordert und dabei von Musik des  italienischen Komponisten Ludovico Einaudi begleitet. Sein minimalistisch-fragiler Stil orientiert sich u.a. an Philip Glass oder Erik Satie und beinhaltet neben rhythmischen, vorantreibenden Elementen auch lyrische Passagen. Nachdem SYNC bereits 2002 und 2006 in Kurzfassungen am Theater Altenburg Gera aufgeführt wurde, präsentiert das Thüringer Staatsballett nun die erweiterte Fassung des Stücks.

Choreografie und Bühne: Nils Christe
Einstudierung und Kostüme: Annegien Sneep
Beleuchtung: Ulf Kupke

UA: Washington Ballet, Washingston D.C.,USA (1996); erweiterte Fassung: Ballet du Nord, Roubaix, Frankreich (1997), ca. 45 min.


MATINEE
SO 1. MRZ 2020 · 11:00
Gera · Großes Haus

 


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